Mittwoch, 30. September 2009

Dienstag, 29. September 2009

ansichten zur nächstenliebe

„Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; und schon wenn ihr zu fünfen miteinander seid, muss immer ein sechster sterben. Meine Brüder, zur Nächstenliebe rate ich euch nicht: ich rate euch zur Fernsten-Liebe.“

„Warum sollen wir das? Was soll es uns helfen? Meine Liebe ist etwas mir Wertvolles, das ich nicht ohne Rechenschaft verwerfen darf. Sie legt mir Pflichten auf, die ich mit Opfern zu erfüllen bereit sein muß. Wenn ich einen anderen liebe, muß er es auf irgendeine Art verdienen. (...) Aber wenn er mir fremd ist und mich durch keinen eigenen Wert, keine bereits erworbene Bedeutung für mein Gefühlsleben anziehen kann, wird es mir schwer ihn zu lieben. Ich tue sogar unrecht damit, denn meine Liebe wird von all den Meinen als Bevorzugung geschätzt; es ist ein Unrecht an ihnen, wenn ich den Fremden ihnen gleichstelle.“

Friedrich Nietzsche zeigt in „Also sprach Zarathustra“ eine ebenso kritische Haltung zu dem Konzept der Nächstenliebe, wie Siegmund Freud in „Das Unbehagen in der Kultur“. Beide haben – finde ich – nicht ganz unrecht. Aber auch nicht ganz recht. Denn das Gebot der Fernstenliebe muss nicht selbstständig neben dem der Nächstenliebe stehen. Inwiefern beide Gebote identisch sind, hängt davon ab, wie eng der Kreis der Nächsten zu ziehen ist. Zu den Nächsten müsste zumindest aus christlicher/jüdischer Sicht aber genauso ein Feind, auch jeder Fremde, jeder Fernste gehören. In diesem Sinne sind Fernsten-Liebe und Nächstenliebe gleichzusetzen. Kompliziert erscheint mir hingegen das von Siegmund Freud betrachtete Verhältnis von Nächstenliebe und Gerechtigkeit: Wenn ich nicht zwischen verschiedenen Nähestufen differenziere, ist das nächstenliebende Verhalten ungerecht? Sämtliche Menschen gleich zu behandeln, heißt doch ebenfalls Freundschaft und Liebe nicht offenzulegen. Dennoch lässt sich die Funktion einer Forderung nach absoluter Gleichheit erklären. Denn Nächstenliebe drückt möglicherweise aus, dass potentiell viele zu „den Meinen“ werden können. Im Sinne eines „Liebe den Nächsten, denn er ist wie du“, dient der Gedanke der Zerstörung eines künstlichen Feindbildes. Aus der Forderung nach einer gleichen Behandlung wird so eine Erinnerung an die Gleichheit der Menschen.

Das grundlegende, ewige Problem scheint aber die Trennung von der Eigenliebe, die praktische Durchsetzbarkeit des Gebots zu sein: „Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug: nun wollt ihr den Nächsten zur Liebe verführen und euch mit seinem Irrtum vergolden. Ihr ladet euch einen Zeugen ein, wenn ihr von euch gut reden wollt; und wenn ihr ihn verführt habt, gut von euch zu denken, denkt ihr selber gut von euch.“ Wenn Egoismus die Grundlage menschlichen Handelns ist, kann ein Gebot etwas an dieser Geisteshaltung ändern? Und wenn das Verhalten sich ändert, genügt dies? Wahrer Humanismus empfindet auch, heißt mitfreuen, mitleiden. Ist es ein Paradoxon durch äußere Normen Einfluss auf die Empfindungen ausüben zu wollen? Leicht unterschätzt man aber den Einfluss des eigenen Verhaltens auf die eigene Lage. Wer lächelt, wird vielleicht in der Folge auch fröhlich, wer aber nie lächelt, hat es nie versucht. Ein solches Konzept der positiven Selbstüberzeugung ist ein geschickter Zug. Nächstenliebe kann doch dann als ständige Annäherung verstanden werden.

Mittwoch, 23. September 2009

alltäglich schönes: mauerwerke

Komplexitätsreduktion ist natürlich was feines. Aber es ist schon auch schade um die vielen hübschen, schönen Kleinigkeiten, die durch dieses Filtern von Informationen der Aufmerksamkeit entgehen. Ohne in ein Lobpreis der Mückchen und Gräschen und Sandkörnchen zu verfallen, es gibt an Häusern schon ein paar sinnige, wenn auch teils altmodische Dinge zu sehen:

An einer Mauer an einer stark befahrenen Straße, die Teil meines Joggingwegs ist, viel mir irgendwann dieser komische Geselle auf. Irgendwie sitzt er in der Mauer nahe des Eingangs zu einem Wohnhaus. Ob es ein Kind ist, oder ein Schutzengel, oder ein Dämon?




Coole Regenrinnen.




Ob dieser Hausspruch auch innen hilft?




In einer Innenstadt außerhalb von Bayern finde ich religöse Symbolik an einem sonst völlig weltlichen Haus schon erstaunlich.






Manchmal auch einfach nur Farbe.


Montag, 21. September 2009

Realität, Bergson und John Nash

Gestern war der Nachmittag verregnet, eine schöne Gelegenheit für musings und ich bin bei einem Buch über Georgia O'Keeffe (zu ihr später vielleicht mal mehr) und dem Film "A beautiful mind" über das Leben des zeitweise schizophrenen Mathematikers John Nash hängen geblieben. Völlig unterschiedliche Medien und Menschen, aber bei beiden Beschäftigungen habe ich einen gemeinsamen Fokus gefunden: eine gewisse Haltung zur "Realität".

Georgia O'Keeffe war von dem französischen Philosophen Henri Bergson beeinflusst. Sie malte zwar recht detailgetreu, reduzierte aber die Gegenstände auf das für sie Wesentliche, auf ihre "Intuition" bauend. Dazu Henri Bergson: „Intuition ist jene Art von intellektueller Einfühlung kraft deren man sich in das Innere eines Gegenstands versetzt, um auf das zu treffen, was er an Einzigem und Unausdrückbarem besitzt. Wenn es ein Mittel gibt, eine Realität absolut zu erfassen, anstatt sie relativ zu erkennen, sich in sie hineinzustellen, statt Standpunkte in ihr einzunehmen, sie ohne jede Übersetzung und symbolische Darstellung zu greifen, so ist dies die Metaphysik selbst.“

John Forbes Nash schreibt in einem autobiographischen Artikel über seine Krankheit Folgendes:"So at the present time I seem to be thinking rationally again in the style that is characteristic of scientists. However this is not entirely a matter of joy as if someone returned from physical disability to good physical health. One aspect of this is that rationality of thought imposes a limit on a person's concept of his relation to the cosmos. For example, a non-Zoroastrian could think of Zarathustra as simply a madman who led millions of naive followers to adopt a cult of ritual fire worship. But without his "madness" Zarathustra would necessarily have been only another of the millions or billions of human individuals who have lived and then been forgotten."

Das Nichtgreifbare ist Georgia O'Keeffe vielleicht realer als die Realität selbst, ihre Arbeit lässt sich als Reduktion auf Subjektives begreifen. Gibt es für das Erfassen des Ganzen nur die "Intuition", während der "Verstand" zur tätigen Umgestaltung dient? Hingegen scheint John Nash in dem gleichen Artikel klar Realität und "Madness" nebeneinander zu stellen: "But facts are available when direct memory fails for many circumstances." Für ihn gibt es also eine Realität? Jedenfalls besteht Einigkeit: es gibt verschiedene Sphären Intuition/Madness und Verstand/Rational und das Rationale wird allgemein überschätzt.

Samstag, 19. September 2009

foto stuff: lichtspiele






hilary hahn, oistrach und historische aufführungspraxis





Was gefällt wann – ab bis wann - und wieso? Das 1. Violinkonzert von Johann Sebastian Bach BWV 1041 hat gewiss eine zeitlose Klarheit. Bei Hilary Hahn gewinnt es an Tempo - trotzdem spielt sie es sehr exakt, absolut präzise und sauber fast streng, aber trotzdem flexibel und spielerisch. Perfekt. Schon mit 17 Jahren spielte Hilary Hahn Bach Partiten und Sonaten auf CD ein und überraschte die Musikszene mit der klaren Reife ihrer Interpretation. Dass es auch anders schön geht, demonstriert das kanadische Barockorchester Tafelmusik Baroque Orchestra unter der Leitung von Jeanne Lamon. Die wunderschöne dem historischen Stil verpflichtete Aufnahme mit Cembalo sticht durch ihre natürliche Nebensächlichkeit hervor: die Violine steht nicht ausschließlich im Vordergrund, das Tempo ist getragener aber trotzdem fließend, Verzierungen werden frei hinzugefügt.

Natürlich muss keiner etwas spielen wie es ursprünglich gemeint war. Hilary Hahn hat eine faszinierende Art ihren eigenen exakten Charakter einzufügen, die zu der klaren Barockmusik großartig passt. Auch wenn das Tempo wahrscheinlich schneller ist als ursprünglich vorgesehen, der Klang der einzelnen Instrumente sich verändert hat, harmoniert die Interpretation irgendwie mit dem Stück, finde ich. Es ist eine etwas andere Organisation der Zeit mit verschiedenen Zeitverschiebungen, unter anderem von früher nach heute-früher und und nicht wie bei der historischen Aufführungspraxis nach früher-früher. David Oistrach, einer der bekanntesten Geiger nach dem 2. Weltkrieg spielt das Violinkonzert wieder anders, verglichen mit Hilary Hahn sehr langsam. Erinnerungen eines Unbekannten an ein Konzert von David Oistrach vom 24. Mai 1966: "Obwohl es Stimmen zur Bach-Interpretation durch D. Oistrach gibt, die sich am zu großen Ton festmachen. Demgegenüber konnte man in diesem Konzert die hohe Stilsicherheit Oistrachs als verläßlichen Faktor bewundern. Die Bach-Interpretation war perfekt, der große strahlende Ton als Besonderheit zu werten." Würde man das heute auch so sehen? Kommt es darauf überhaupt noch an? Ich finde nicht. Auch die alte Musik hat verschiedene Zeitzonen, die der Interpreten im Zeitgeschehen und den (fehlenden oder bestehenden) Anspruch an historische Nachahmung.


Freitag, 4. September 2009

fremdes und eigenes

Wenn es stumm ist und sich dann doch eine Meinung bildet, wie oft entdeckt man, dass es die Stimme eines Anderen ist?


Mittwoch, 2. September 2009

kunstmarkt - krise

Ungewöhnlich Gutes simply sells: das teilt uns Sotheby's sehr persönlich und irgendwie immer very british in seiner wundervollen Podcast Reihe mit. Dabei ist die Diskrepanz zwischen Materialwert eines Bildes und dem realisierten Preis schlicht schwindelerregend. Ist das noch ein Liebhaberpreis für ästhetisch Wertvolles oder einfach entzaubert zu erklären: geringes Angebot trifft auf hohe Nachfrage weltweit? Unbeeindruckt von finanziellen Verlusten Vieler scheint auf einem gewissen Niveau der Liebhaber jedenfalls blasenfrei stabil Kunst zu (ver-)kaufen zu sein. Ungewöhnlich gute Investitionen wären dann solche Kunstwerke, was ihrem ästhetischen Wert nichts anhaben kann. Ungewöhnlich Gutes simply captivates.

video

närrischer perspektivwechsel

Sehen Sie, erst habe ich auf den Stein hier dreihundertfünfundsechzigmal hintereinander zu spucken. Haben Sie das noch nicht probiert? Tun Sie es, es gewährt eine ganz eigne Unterhaltung. Dann – sehen Sie diese Handvoll Sand? Er nimmt Sand auf, wirft ihn in die Höhe und fängt ihn mit dem Rücken der Hand wieder auf. – Jetzt werf ich sie in die Höhe. Wollen wir wetten? Wieviel Körnchen hab ich jetzt auf dem Handrücken? Grad oder ungrad? – Wie? Sie wollen nicht wetten? Sind Sie ein Heide? Glauben Sie an Gott? Ich wette gewöhnlich mit mir selbst und kann es tagelang so treiben. Wenn Sie einen Menschen aufzutreiben wissen, der Lust hätte, manchmal mit mir zu wetten, so werden Sie mich sehr verbinden. Dann – habe ich nachzudenken, wie es wohl angehn mag, daß ich mir auf den Kopf sehe. O, wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte! Das ist eins von meinen Idealen. Mir wäre geholfen.

Wär das nicht hübsch mal so ein Narr sein. Einmal ein Perspektivwechsel wie ihn sich Leonce aus Büchners „Lustspiel“ Leonce und Lena  wünscht: Mit Vogelperspektive den Überblick bekommen: Wie ein Fremder und zugleich sich selbst Fremdbild und Selbstbild vereinen. Das spiegelt unzweifelhaft die Freiheit eines Narren, die spielerische Weisheit, welche ironisierend und hinterfragend in völliger Unabhängigkeit keinen Stein auf dem Anderen lässt. Was für viele über Kritik erhaben ist, wird angreifbar, was Ernst war, wird Spaß. Der Künstler oder Erfinder Julius von Bismarck hat den Wunsch Leonces in die Tat umgesetzt: Der Topshot-Helmet von 2007 filmt die tragende Person von oben und sendet das Bild zu einem Monitor vor den Augen, so dass nicht mehr das Auge selbst Maßstab ist, sondern die luftige Außensicht.




Der Apparat engt die Perspektive zugleich ein, man sieht sich schließlich nur noch von oben. Die Grenzen vom weisen Narren zum vernarrten Art Schildbürger sind also vielleicht fließend. Büchner jedenfalls vergönnt es Leonce nicht, ein Überschreiter zu sein: Leonce und Lena kommt der Überblick abhanden, die Beiden fügen sich schicksalhaft in ihre Verbindung. Wollten sie ursprünglich vor einer arrangierten Heirat mit einem fremden Prinzen/Prinzessin fliehen, lernen sie sich auf der Flucht als Fremde kennen. Das aber läuft doch dem Narren-Gedanken entgegen, nicht durchschaut, nicht gewollt, aber trotzdem eingefangen, verliebt und verlobt. Und gut – vielleicht ist Leonce trotzdem auf diese Art - nicht als Narr aber wie vernarrt oder genarrt - geholfen.