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Samstag, 7. November 2009

geheimdienst ausspioniert

Article 12 was an exhibition shown at Stroom in The Hague from April to June, 2008. The exhibition, as well as the works within it, fulfilled Jill Magid's commission for the Dutch secret service (AIVD). The AIVD has since censored and confiscated some of the works that were on view, as well as a book Magid wrote afterwards on her experience working with the service." Jill Magid ist die umstrittene Künstlerin, die mit Vorliebe in diejenigen Organisationen, deren Funktion es ist, Menschen zu überwachen, möglicherweise auszuspionieren, eindringt, um es ihnen umgekehrt gleichzutun. Seit Article 12 hat sie weitere Ausstellungen dieser Art veranstaltet, seit September bis Januar ist die Ausstellung "Authority to Remove" in der Londoner Tate Modern zu sehen.
Ob die Künstlerin nun tatsächlich derart tief in die Struktur des Geheimdienstes eindrang und auf diese Art zur Gefahr wurde, ist nicht ganz sicher. Der niederländische Geheimdienst präsentiert eine leicht andere Version: er habe Jill Magid nicht als "consultant" angeheuert, sondern sie sollte ein Kunstwerk für das neue Gebäude schaffen und so weiter. Diese Umstände scheinen doch etwas merkwürdig, aber die Idee fasziniert. Kunst ist zum anschauen da (wird etwa Kunst erst durch einen Betrachter zur Kunst?), Geheimdienste zum schauen. Kunst versucht eine Neuinterpretation des Erlebten und Geheimdienste suchen Erlebnisse. Kunst versucht eine Reaktion hervorzurufen, Geheimdienste sollen präventiv Reaktionen verhindern? Ob diese Gegenüberstellungen so zwingend sind, sei dahingestellt, sicher könnte man ganz andere Gegensätze und Parallelen hervorheben. Sicher ist aber, dass die Interaktion zwischen dem Medium und dem Sujet ein besonders prägendes Element der Arbeiten von Jill Magid sind und einen wesentlichen Bestandteil der von ihr ausgehenden Faszination ausmachen. Zum Sujet gehören dann wohl auch die etwas chimärenhaften Geschichten der Informationsquellen un über diese selbst.

Montag, 27. Juli 2009

stille lebensbejahung

Betrachten wir Porträts Amadeo Modiglianis. Ein neutraler Gesichtsausdruck, passiv, elegisch, melancholisch? In der Ausstellung der Bundeskunsthalle Bonn sind Zitate des Künstlers selbst zu lesen, er begreift offenbar seine Gestalten als Ausdruck stiller Lebensbejahung.
Das verwundert doch, haben die Figuren nicht vielmehr Züge biometischer Passbilder - quadratisch ausdruckslos -, deren Anforderungen auf der Foto-Mustertafel des BMI detailliert beschrieben sind: "Das Foto muss die Gesichtszüge der Person von der Kinnspitze bis zum oberen Kopfende, sowie die linke und rechte Gesichtshälfte deutlich zeigen. (...) Das Gesicht muss in allen Bereichen scharf abgebildet, kontrastreich und klar sein." Auch Modigliani konzentriert sich auf das Gesicht, denn dessen Konturen sind am deutlichsten hervorgehoben, genauer auf die Linie zwischen den Augenbrauen über Nase, Kinnpartie zu dem Hals. Diese Verformung, eine allgemeingültige, immer wieder auftauschende Gesichtsformation, dominieren die Emotionen. Die biometrischen Passbilder verfolgen nun einen klaren Zweck, sie dienen der bestmöglichen Identifikation von Person. Will auch Modigliani seine Impression einer Person unverfälscht dem Betrachter nahebringen?

"Die Person muss auf dem Foto direkt in die Kamera blicken. Die Augen müssen geöffnet und deutlich sichtbar sein und dürfen nicht durch Haare oder Brillengestelle verdeckt werden." Die Universalität der Form ist bei Modigliani hingegen subjektiv verzerrt: Die überlange Nase, überlange Kinnpartie und der lange Hals prägen seine Form. Hat er Menschen so gesehen? Die pupillenlosen Augen in der Farbe des Hintergrundes scheinen den Betrachter dennoch vielsagend anzublicken. Die gewölbten Augenbrauen in dem einen Porträt signalisieren doch Bestimmtheit, während wenn ein Auge tiefer als das andere liegt der Eindruck einer nachdenklichen Pose hervorgerufen wird. Modiglianis Formensprache ist somit nicht uniform, trotz Ähnlichkeit sind subtil einzelne Charakterzüge zurückhaltend reduziert herausgearbeitet.
Modigliani zeigt so doch dann eine interessante, wenn nicht sogar paradoxe Form der Lebensbejahung: Nicht eine laute Fröhlichkeit, eine bunte Zuversicht, sondern eine in der Nachdenklichkeit und Subtilität verwurzelte Freude an Beobachtungen. Die Menschen durch das Auge Modiglianis sind in klaren Formen irgendwie hingestellt als sie selbst. Klar identifizierbar im Lichte Modiglianis. Dass dies genügt, ist doch auch eine Form der Zuversicht?