Mir gefällt es ganz gut, dass die Banksy-Technik nun im deutschen Stadtbild angekommen ist. Auch wenn das Problem der fehlenden Eigentümereinwilligung nicht beseitigt ist, hat die Arbeit mit der Schablone und der Farbe seine Vorteile. Die aus meiner Sicht nicht mal schönen, sondern bloß störenden Tags von Gangs und Jugendgruppen können einfacher ersetzt werden. Die Schablone produziert zumindest ein "sauberes" irgendwie klareres Bild. So detailverliebt, wie im unteren Bild, sind freihändige Wandverzierungen ansonsten eben nicht immer.
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Mittwoch, 29. Dezember 2010
Samstag, 7. November 2009
geheimdienst ausspioniert
Article 12 was an exhibition shown at Stroom in The Hague from April to June, 2008. The exhibition, as well as the works within it, fulfilled Jill Magid's commission for the Dutch secret service (AIVD). The AIVD has since censored and confiscated some of the works that were on view, as well as a book Magid wrote afterwards on her experience working with the service." Jill Magid ist die umstrittene Künstlerin, die mit Vorliebe in diejenigen Organisationen, deren Funktion es ist, Menschen zu überwachen, möglicherweise auszuspionieren, eindringt, um es ihnen umgekehrt gleichzutun. Seit Article 12 hat sie weitere Ausstellungen dieser Art veranstaltet, seit September bis Januar ist die Ausstellung "Authority to Remove" in der Londoner Tate Modern zu sehen.
Ob die Künstlerin nun tatsächlich derart tief in die Struktur des Geheimdienstes eindrang und auf diese Art zur Gefahr wurde, ist nicht ganz sicher. Der niederländische Geheimdienst präsentiert eine leicht andere Version: er habe Jill Magid nicht als "consultant" angeheuert, sondern sie sollte ein Kunstwerk für das neue Gebäude schaffen und so weiter. Diese Umstände scheinen doch etwas merkwürdig, aber die Idee fasziniert. Kunst ist zum anschauen da (wird etwa Kunst erst durch einen Betrachter zur Kunst?), Geheimdienste zum schauen. Kunst versucht eine Neuinterpretation des Erlebten und Geheimdienste suchen Erlebnisse. Kunst versucht eine Reaktion hervorzurufen, Geheimdienste sollen präventiv Reaktionen verhindern? Ob diese Gegenüberstellungen so zwingend sind, sei dahingestellt, sicher könnte man ganz andere Gegensätze und Parallelen hervorheben. Sicher ist aber, dass die Interaktion zwischen dem Medium und dem Sujet ein besonders prägendes Element der Arbeiten von Jill Magid sind und einen wesentlichen Bestandteil der von ihr ausgehenden Faszination ausmachen. Zum Sujet gehören dann wohl auch die etwas chimärenhaften Geschichten der Informationsquellen un über diese selbst.
Ob die Künstlerin nun tatsächlich derart tief in die Struktur des Geheimdienstes eindrang und auf diese Art zur Gefahr wurde, ist nicht ganz sicher. Der niederländische Geheimdienst präsentiert eine leicht andere Version: er habe Jill Magid nicht als "consultant" angeheuert, sondern sie sollte ein Kunstwerk für das neue Gebäude schaffen und so weiter. Diese Umstände scheinen doch etwas merkwürdig, aber die Idee fasziniert. Kunst ist zum anschauen da (wird etwa Kunst erst durch einen Betrachter zur Kunst?), Geheimdienste zum schauen. Kunst versucht eine Neuinterpretation des Erlebten und Geheimdienste suchen Erlebnisse. Kunst versucht eine Reaktion hervorzurufen, Geheimdienste sollen präventiv Reaktionen verhindern? Ob diese Gegenüberstellungen so zwingend sind, sei dahingestellt, sicher könnte man ganz andere Gegensätze und Parallelen hervorheben. Sicher ist aber, dass die Interaktion zwischen dem Medium und dem Sujet ein besonders prägendes Element der Arbeiten von Jill Magid sind und einen wesentlichen Bestandteil der von ihr ausgehenden Faszination ausmachen. Zum Sujet gehören dann wohl auch die etwas chimärenhaften Geschichten der Informationsquellen un über diese selbst.
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Montag, 2. November 2009
contemporary artists: jeff koons und approbation art
Jeff Koons ruft recht gespaltene Eindrücke hervor. Das Hanging Heart aus der Celebration Series auf der einen Seite - oder die riesen Puppy - sind nicht umsonst weltbekannt. Ihre Größe, ihre Verarbeitung, ihre Farben sind schillernd, "man" ist beeindruckt. Auch seine hyperrealistischen Bilder faszinieren wegen ihrer Plastizität. Auf der anderen Seite aber produziert Jeff Koons viele Nachahmungen von bereits Gewesenem - bewusst und daher strenggenommen in der Tradition der manipulierende Kopien zur Philosphie erhebenden Appropriation Art. Er verfremdet das Gefundene durch veränderte Materialien, Größen und Farben, aber dennoch sind die Abbilder häufig so nahe am Original, dass die Eigenständigkeit durchaus legitim in Frage gestellt werden darf. Man denke nur an die verschiedenen Urheberrechtsprozesse, den Verlorenen gegen den Fotografen Art Rogers wegen der 1987 hergestellten Abbilder von Puppies nach einem Foto, oder den Gewonnenen um 2000 gegen die Fotografin Andrea Blanch. Der künstlerische Schaffenzprozess ist damit zumindest reduziert. Zumal er seine auch technisch anspruchsvollen Arbeiten mit stainless steel mit einem Haufen von Mitarbeitern in einer Werkstatt produziert. All das ist Pop Art auf die Spitze getrieben, denn die Kunst selbst Teil wird des Konsumdenkens. Die Kunst selbst ist produziert.
Die erste Retrospektive - in Versailles im letzten Jahr- brachte hingegen die faszinierenden Facetten der Objekte von Jeff Koons recht vorteilhaft zur Geltung. Merkwürdigerweise wirken die Objekte in der prunkvollen Umgebung des barocken Schlosses nur zum Teil fremd. Einerseits zeigt dies, wie viel Nachahmung doch in dem Werk aufzuzeigen ist. Andererseits glänzt stainless steel passend wie das die Skulpturen umgebende Gold, sie nehmen den barocken Glanz auf. Andere Objekte, wie die Tierfuguren sprengen dann doch den steifen Rahmen und weisen auf kindlichere Spiele hin als es die Ornamente der Räume ursprünglich vorsahen. Diese Interaktion zwischen Raum und Objekt ist jedenfalls nicht nur äußerst ästhetisch, sie gibt auch viel Raum für Interpretation: Ist die Konsumkultur nur auf nivellierterem Niveau neu erstandener, im Kern jedoch bereits bekannter barocker Zug? Ist dann nicht die neudefinierende Nachahmung der Approbation Art ehrlicher - weil alles in Traditionen wiedergefunden werden kann? Oder geht es nur darum, Objekte möglichst glänzend und prunkvoll in Szene zu setzen, Ehrfurcht hervorzurufen? Mag man auch den künstlerischen Prozess bei Jeff Koons kritisch sehen, zumindest beeindruckend allein wegen ihrer Größe sind die Arbeiten schon. Sie haben immerhin Resonanz.
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Mittwoch, 28. Oktober 2009
skandalöse kunst - kunstskandale
Die deutschen Kunstskandale scheinen ihre Ursache häufig - wahrscheinlich hoch simplifiziert aber immerhin doch als roter Faden erkennbar - in Darstellung oder Zurschaustellung von Sex, Drugs, und Rechtsradikale oder Religion zu haben. Als anstößig empfand man 1963 den ornanierende Junge von Georg Baselitz, erst vor kurzem den goldenen Hitlerzwerg von Otmar Hörl. Immendorf hat die Öffentlichkeit mit Drogenexzessen geschockt. Natürlich lassen sich auch "Skandale" wie die Fettecke von Joseph Beuys, die von einer übereifrigen Reinigungsfachkraft entfernt wurde, in eine Reihe von Kunstskandalen aufnehmen. Aber solch ein Vorkommnis skandalisiert nicht Künstler oder Kunst, sondern im Gegenteil ein fehlendes "Kunstverständnis" Vieler (obwohl es nun auch einer Art Avantgarde wohl ansteht, Vorreiter zu sein und Neues, Vielen zunächst nicht Zugängliches zu produzieren). Die Aufsehen erregenden, Anstand verletzenden Themen der Kunst und Künstler selbst scheinen also doch grob erfasst.
Als 1963 Georg Baselitz seine Bilder "Die große Nacht im Eimer" und "Der nackte Mann" in seiner ersten Einzelausstellung der Berliner Galerie präsentiert, beschlagnahmte die Polizei diese anstößigen Objekte. Eines zeigt einen Zwerg oder Jungen, der mit übergroßem Geschlechtsorgan onaniert. Bereits morgens um vier Uhr veröffentlichte eine Zeitung die Schlagzeile "Sittenskandal am Kurfürstendamm". Der Prozess zog sich hin, erst der BGH hat das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt. Heute gehört das Bild zum Bestand des Museum Ludwig in Köln.

Der Nürnberger Kunstprofessor Otmar Hörl ist seit Juli 2009 einem Strafverfahren ausgesetzt, da seine goldenen Gartenzwerge, die ihre rechte Hand zum Hitlergruß erheben, möglicherweise einen Straftatbestand der Verwendung. Ein Unbekannte hat die Skulptur in einer Nürnberger Galerie gesehen und sich öffentlich beschwert, und das obwohl der Zwerg in zwei Ausstellungen in Gent und Bozen allenfalls eine angeregte Diskussion ausgelöst hat.
Eine Frage drängt sich aber doch auf: schön muss man die Objekte nicht finden, als anstößig kann man sie vielleicht betrachten, aber ist es Aufgabe der Polizei, der Strafgerichte ein ausgelöstes Unwohlsein in strafrechtliche Sanktionen umzuwandeln? Natürlich bedeutet künstlerischer Ausdruck keine Lizenz zur vollkommenen Freiheit, kein Künstler lebt in einem rechtsfreien Raum. Aber wo ist der Sinn für Ironie, für Überzeichnung und Vielschichtigkeit von Kunstdeutungen. Der Zwerg weist doch auf die wahre geistige Kleinheit des Nazi-Regimes hin. Der onanierende Junge mag auf die Überbetonung der Geschlechtsorgane im Westen oder Ähnliches hinweisen. Es gibt viele Sichtweisen auf Kunst und die ästhetische ist sicher nur eine davon. Inwiefern daraus eine Strafbarkeit folgt ist eine diffizile Abwägung im Einzelfall. Insgesamt dürfte aber für Kunstskandale regelmäßig - wie im Fall von Baselitz - das Strafrecht als zu schweres Schwert zu sehen sein und die Geringfügigkeit des Vergehens ein angemessenes Verdikt.
Mittwoch, 2. September 2009
kunstmarkt - krise
Ungewöhnlich Gutes simply sells: das teilt uns Sotheby's sehr persönlich und irgendwie immer very british in seiner wundervollen Podcast Reihe mit. Dabei ist die Diskrepanz zwischen Materialwert eines Bildes und dem realisierten Preis schlicht schwindelerregend. Ist das noch ein Liebhaberpreis für ästhetisch Wertvolles oder einfach entzaubert zu erklären: geringes Angebot trifft auf hohe Nachfrage weltweit? Unbeeindruckt von finanziellen Verlusten Vieler scheint auf einem gewissen Niveau der Liebhaber jedenfalls blasenfrei stabil Kunst zu (ver-)kaufen zu sein. Ungewöhnlich gute Investitionen wären dann solche Kunstwerke, was ihrem ästhetischen Wert nichts anhaben kann. Ungewöhnlich Gutes simply captivates.
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närrischer perspektivwechsel
Sehen Sie, erst habe ich auf den Stein hier dreihundertfünfundsechzigmal hintereinander zu spucken. Haben Sie das noch nicht probiert? Tun Sie es, es gewährt eine ganz eigne Unterhaltung. Dann – sehen Sie diese Handvoll Sand? Er nimmt Sand auf, wirft ihn in die Höhe und fängt ihn mit dem Rücken der Hand wieder auf. – Jetzt werf ich sie in die Höhe. Wollen wir wetten? Wieviel Körnchen hab ich jetzt auf dem Handrücken? Grad oder ungrad? – Wie? Sie wollen nicht wetten? Sind Sie ein Heide? Glauben Sie an Gott? Ich wette gewöhnlich mit mir selbst und kann es tagelang so treiben. Wenn Sie einen Menschen aufzutreiben wissen, der Lust hätte, manchmal mit mir zu wetten, so werden Sie mich sehr verbinden. Dann – habe ich nachzudenken, wie es wohl angehn mag, daß ich mir auf den Kopf sehe. O, wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte! Das ist eins von meinen Idealen. Mir wäre geholfen.
Wär das nicht hübsch mal so ein Narr sein. Einmal ein Perspektivwechsel wie ihn sich Leonce aus Büchners „Lustspiel“ Leonce und Lena wünscht: Mit Vogelperspektive den Überblick bekommen: Wie ein Fremder und zugleich sich selbst Fremdbild und Selbstbild vereinen. Das spiegelt unzweifelhaft die Freiheit eines Narren, die spielerische Weisheit, welche ironisierend und hinterfragend in völliger Unabhängigkeit keinen Stein auf dem Anderen lässt. Was für viele über Kritik erhaben ist, wird angreifbar, was Ernst war, wird Spaß. Der Künstler oder Erfinder Julius von Bismarck hat den Wunsch Leonces in die Tat umgesetzt: Der Topshot-Helmet von 2007 filmt die tragende Person von oben und sendet das Bild zu einem Monitor vor den Augen, so dass nicht mehr das Auge selbst Maßstab ist, sondern die luftige Außensicht.



Der Apparat engt die Perspektive zugleich ein, man sieht sich schließlich nur noch von oben. Die Grenzen vom weisen Narren zum vernarrten Art Schildbürger sind also vielleicht fließend. Büchner jedenfalls vergönnt es Leonce nicht, ein Überschreiter zu sein: Leonce und Lena kommt der Überblick abhanden, die Beiden fügen sich schicksalhaft in ihre Verbindung. Wollten sie ursprünglich vor einer arrangierten Heirat mit einem fremden Prinzen/Prinzessin fliehen, lernen sie sich auf der Flucht als Fremde kennen. Das aber läuft doch dem Narren-Gedanken entgegen, nicht durchschaut, nicht gewollt, aber trotzdem eingefangen, verliebt und verlobt. Und gut – vielleicht ist Leonce trotzdem auf diese Art - nicht als Narr aber wie vernarrt oder genarrt - geholfen.
Donnerstag, 27. August 2009
emil schumacher und die spiritualität
Dem in Hagen geborenen Künstler Emil Schumacher wird mit dem Emil Schumacher Museum in Hagen ein sehr moderner Ausstellungsraum gewidmet. Seine informel Malerei als emotional spontane Gegenstandslosigkeit ist dort in wechselnden Ausstellung zu sehen. Als abstrakt und expressiv könnte man auch die klar strukturierten Glasfassaden des Gebäudes beschreiben, das auch für Feiern genutzt werden kann.


Das Museum feiert zunächst am 28. und 29.08.2009 seine Eröffnung, zu der der Ministerpräsident des Landes NRW, Jürgen Rüttgers, geladen ist. Neben den Segen der Politik soll auch eine weniger weltliche Anerkennung treten. Denn das Kunstquartier wird mit einer ökumenischen Feier eingeweiht, damit das „Kunstquartier auch eine spirituelle Dimension bekommt“, so der Direktor des Osthaus Museums Dr. Tayfun Belgin. Das allerdings scheint doch eine ungewöhnliche Kombination zu sein: Zum einen erinnert der Begriff „spirituell“ an Weltanschauung und nicht an Religion. Zum zweiten ist die Frage, wer das Spirituelle und die Kunst überhaupt verbunden sehen möchte. Denn das Erzeugnis spiritueller Kunst ist pathetisch-idealistisch-verklärend mit engen Wirkungsvorstellungen: „Die bildende Kunst hat einen Auftrag! Gerade in der heutigen Zeit sollte sie vermehrt mit klaren Botschaften den suchenden Menschen Wege zeigen. Möglichkeiten, sich selbst zu finden, um Horizonte zu öffnen und den Betrachter zum Handeln zu «inspirieren». (...) Dies ist der Punkt, an dem die spirituell inspirierte Kunst ansetzt: Menschen zum eigenen Nachdenken zu bewegen. Sie soll den Betrachter zum Innehalten führen, ihm wieder den Zugang zu sich selbst geben. Damit er den Dialog mit der Schöpfung findet und mit dem eigenen, göttlichen EGO in Kontakt kommt. Spirituelle Kunst kann mögliche Wege zeigen oder den Einstieg in eine lange verborgene Welt wieder zugänglich machen. (...) Was von der Zivilisation letzten Endes übrig bleibt, ist ihre Kunst. Sie ist Zeugnis, wie wir Menschen gelebt und gewirkt haben, Zeugnis unserer Ethik und Moral.“ Also Engel, Heilbilder, Astro-Art, Energiebilder, Heilige Geometrie, Kosmische Energieformen, Zen Art.

Diese Dimension wollte Dr. Tayfun Belgin dem Emil Schumacher Museum gewiss nicht einverleiben. Emil Schumacher, der Künstler mit den Hammerbildern und den irdischen Strukturen. Mit einem Hammer bearbeitete er die Leinwand, um graphisch großen Linien durchbrechende und ergänzende Texturen zu schaffen. Mit Kratzen, Schaben, Schneiden, Spachteln bricht er große Flächen auf. Er betrachtete den Prozess des Malens als Angriff: „Die äußerste Form Widerstand zu brechen, ist die Zerstörung: ein primitiver Gestus der Verzweiflung und der Lust. Die Antwort heißt nicht: (...) wiederherstellen, sondern: den Zerstörungsakt dem Bilde einverleiben.“ Der Prozess des Malens ist dann Teil des Expressiven, aber es ist an anderes Verborgenes, was dann zum Vorschein kommt. Eben keine spirituelle Kunst, sondern informel Kunst. Deswegen gefällt das Konzept des Museums, mit dem Atelier des Künstlers die Ausstellung zu beginnen und dort filmisch dessen Arbeitsweise nahezubringen. Ohne Spiritualität in der Kunst verspricht also das Emil Schumacher Museum zu gefallen.
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Montag, 24. August 2009
frohgefühl in den handgelenken
Erstaunlich ist doch diese Neigung, die eigenen Gefühle und Eindrücke für allgemeingültig zu halten. Wer kennt kein Frohgefühl in den Handgelenken, das die Künstlerin Saskia Niehaus in einem Interview des einfallsreich.tv so eindrücklich beschreibt. Deren Arbeitsweise dürfte die meisten Menschen generell in neue Gefühlswelten führen: Bewusste Abläufe scheinen selten zu sein. Stattdessen entstehe ein Wesen. Der Körper oder die Hand forme ein Wesen, es wolle raus. Man spüre, ob ein Werk vollendet sei. Warum das eine als Bild, das andere dreidimensional zu gestalten ist, da müsse man das Werk fragen. Dieses Verlassen auf intuitive Empfindungen, die Kommunikation zwischen Werk und Künstler – ob mit Ich, Über-ich oder Es oder Selbst oder Ähnliches sei dahingestellt – hat etwas unglaublich Faszinierendes. Als ob die gefühllose Gehirnmasse kribbeln könnte.
Als eine Art synästhetischer Ansatz könnte man dies bezeichnen, als Vereinigung mehrerer Sinne im weiten Sinne oder die Substitution eines Sinnes durch einen anderen. Nur das als Sinn dann auch ein sechster Sinn, die Intuition das unbestimmte Gefühl bezeichnet werden müsste. Irgendwie scheinen Sehen, Tasten und Gefühle ein Eigenleben zu führen und sich gegenseitig zu ersetzen. Wie bei antroposophisch geprägter Meditation, wenn Farben einzelnen Kraftzonen zugeordnet werden; sich einen grüner Hals, ein violettes Gehirn und einen roten Bauch vorzustellen soll danach entspannend sein. Mag es also so sein, dass ungewöhnliche Vermischung von Altbekannten Nie-Dagewesenes entstehen lässt, das Andere ebenfalls zu Neuem inspirieren kann. Daher: Viele Menschen würden von Gefühlen im Bauch reden, aber natürlich sei jedem ein Frohgefühl in den Handgelenken zugestanden.
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Donnerstag, 20. August 2009
wimmelbilder

James Rizzi ist bekannt wie ein bunter Hund mit seinen farbenfrohen, vollen 3d-Bildern. Zwar fehlt der prägende Pinselstrich und kleine Variationen der Farben, so dass die einzelnen Bildteile starr sind. Dennoch vermittelt die bunte Vielfalt des antropomorph Dargestellten pulsierende Lebensfreude. Derart naive Kunst – in diesem Zusammenhang nicht als Arbeiten von Autodidakten verstanden – bedient sich bewusst modern kindlicher Ausdrucksformen.
Als Wimmelbilder wurden die Arbeiten von James Rizzi häufig bezeichnet. Was haben sie also mit explizit für Kinder erdachten Wimmelbücher gemeinsam? Wimmelbücher hat vor allem Ali Mitgutsch seit 1970 bekannt gemacht. Hingegen verwehrt sich Ali Mitgutsch gegen den Begriff „Wimmelbücher“, da er diesen mit „Abwimmeln von Kindern“ verbindet und daher „sich selbst erzählende Bilderbücher“ vorzieht. Fast ohne Worte werden in diesen Büchern tatsächlich eine Fülle von Einzelheiten und damit Beziehungen und ganze Geschichten erfassbar. Der Blick darf frei wander. Durch Typisierung, Darstellung von der Situation an sich können Wimmelbücher Kinder optisch Szenen aus der großen Welt nahe bringen. Vielleicht ist es umgekehrt Rizzis Anliegen Erwachsenen typisiert Situationen kindlich nahe zu bringen. Alltägliche Szenen, vor allem aus New York neu fröhlich zu entdecken. Oder auch bekannte Kunstwerke wie Mona Lisa oder der Schrei neu zu entdecken. Dieser starke, aber veränderte Alltagsbezug kann auch erklären, warum die Vermarktung Rizzis, der Enzyklopedien des Brockhaus-Verlags, Briefmarken, CDs, Rosenthal-Porzellan gestaltet hat, ein derartiger Erfolg ist.
Das Element der Entfremdung durch Stilisierung hat ebenfalls Verwandtschaft mit Comics. Verschiedene kleine Bilder in Sequenz – jedoch auf einem Bild – erzählen Geschichten. Dazu verstärken Rizzis schwarzen Umrandungen und die eindeutig zugeordneten Farben den Comic-Eindruck. Außerdem muss ein „comic strip“, ein komischer Streifen, nicht immer komisch sein, aber dennoch sind Comics häufig mit (seichtem) Scherz verbunden, man denke nur an Donald Duck, Micky Maus, Asterix und Obelix.Die Verarbeitung von Alltagszenen und häufig auch stilistische Comic-Ähnlichkeiten sind genereller Merkmale von Pop Art. James Rizzi aber hat durch durch 3d-Wimmelbilder eine Form gefunden, die diese Merkmale kindlich bunt neu in sich trägt.
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Montag, 17. August 2009
contemporary artists: erleuchtete räumlichkeiten



Die Skulpturen von Jürgen Albrechts beeindrucken durch friedliche Zweiseitigkeit: von außen sind sie eckig, quadratisch. Aber Innen kleine, gefaltete und mit Fenstern versehene, puppenstubenartige Räume. Zauberhaft leer, als hätte jemand eine Wohnung ausgeräumt und nun jedem Betrachter überlassen, sie neu zu füllen. Wegen der Leere sind es Ruheräume. Sich langsam aber ständig änderndes Tageslicht beeinflusst die Schatten in den Skulpturen, so dass auch die Möblierung durch den Betrachter wechseln kann. Gerade diese Lichtspiele schaffen eine neue Perspektive auf Tiefe, Höhe und Verhältnisse der Wände zueinander. Innen also eine neue, ruhige Welt.
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Freitag, 7. August 2009
contemporary artists: irritierende schönheiten



Diese Bilder von Tanja Selzer wirken zunächst wie farbenfrohe Landschaften. Aber sind die Menschen dann doch bloße Skelette, die Wale gestrandet, der Himmel eine Rauchwolke. Dann werden auch die intensiven Farben bedrohlich. Das Öl auf Leinwand verläuft in senkrechten Linien, steht damit in Spannung zu der Betonung des Horizonts und lässt die Konturen ineinander verschwimmen. "Die Entstellung, die Ambivalenz des schönen Hässlichen und des hässlichen Schönen sind das Thema meiner Malerei." Eindeutig ist nur, dass "etwas nicht stimmt" auf diesen Bildern. Sie changieren zwischen hässlich oder schön, Landschaft oder Mensch, farbenfroh oder -intensiv.
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Tanja Selzer
Mittwoch, 5. August 2009
das prinzip der inneren notwendigkeit
Muss ein Quadrat rot, ein Dreieck gelb und ein Kreis blau sein?
Ein Umfrage im Jahre 1923 unter den Schülern und Professoren der Kunstschule Bauhaus befand in der Tat, dass die Grundfarben bestens harmonisch auf die genannte Art und Weise den bestimmten Grundformen zuzuordnen ist. Jedoch können die Schüler Wassily Kandinskys, der seit 1921 am Bauhaus unterrichtete, insofern kaum als unbefangen gelten: Kandinsky befasste sich bereits 1911 in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ mit dem Zusammenspiel von Form und Farbe.
Nun ist natürlich nicht wie in den nebenstehenden karikierenden Abbildungen zwingend ein Kreis blau sein usw. Natürlich ist entscheidend, dass die Wirkung eine andere sein soll, wenn ein Kreis gelb ist. „Dabei lässt sich leicht bemerken, daß manche Farbe durch manche Form in ihrem Werte unterstrichen wird und durch andere abgestumpft. Jedenfalls spitze Farben klingen in ihrer Eigenschaft stärker in spitzer Form (z.B. Gelb im Dreieck). Die zur Vertiefung geneigten werden in dieser Wirkung durch runde Formen erhöht (z.B. Blau im Kreis).“ Die gewollte Wirkung auf den Betrachter bestimmt also die Zusammenstellung von Form und Farbe, aber der Effekt von Form und Farbe verstärkt sich in der genannten Kombination. Dies nennt Kandinsky das Prinzip der inneren Notwendigkeit.Bei Raimer Jochims Arbeitsnotizen "Farbe sehen" 1973-1994 klingt die Auseinandersetzung mit der Farb-Form-Beziehung schon etwas verfeinerter:"die passive, kontraktive Farbe muss größer gegeben werden als die aktive, expansive, damit sie gleichwertig erscheinen. (...) Je intensiver die Farbe, desto bewegter der Umriss." Die aktivere richtet sich auf, die unintensivere (dunklere, ungesättigtere, kühlere) liegt." Als bestimmendes Element sind also nicht nur Form/Gegenstand und Farbe genannt, sondern auch der Umriss selbst. Insoweit scheint mir das Grundprinzip der inneren Zugehörigkeit zumindest noch das Gleiche zu sein. Was ich nicht verstehe ist, warum Farben gleichwertig sein müssen. Ob Farben dominieren oder auch nicht gehört ebenso zur Bildkomposition selbst, ob sie anspricht hängt nun vom Zeitgeist und der Stärke der Ausführung ab. Insofern weist erfreulicherweise Kandinsky auf das Innere der Notwendigkeit hin: „Es gibt kein muß in der Kunst, die ewig frei ist. Vor dem muß flieht die Kunst, wie der Tag vor der Nacht.“
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Donnerstag, 30. Juli 2009
contemporary artists - "skandalöse nuditäten"


Die Akte von Lilli Hill polarisieren: Die dem Schlankheitsideal entgegengesetzte, detaillierte Nacktheit mag verschrecken. Die fast unmögliche Leichtigkeit der Posen und die realistische Eindrücklichkeit der Haut und des Ausdrucks dagegen faszinieren. Die in dünnen Schichten aufgetragene Farbe in der Technik alter Meister schafft rücksichtslose, aber dennoch wegen der Lasur nicht grelle oder pornographische Effekte.
Ein Bekannter, dem ich diese Bilder zeigte fand sie hingegen demoralisierend; Ziel der Kunst sei es ein Ideal zu verkörpern und den Menschen zur Verfolgung desselben anzuhalten. Die Bilder von Lilli Hill könnten doch aber durchaus als Ideal eines leichten, stolzen Umgangs mit dem Körper interpretiert werden. Aber vor aller Interpretation entfalten die Bilder bereits ihre Wirkung: Zuallererst vielleicht abstoßend, vielleicht faszinierend, bei längerer Betrachtung beruhigend, aber auf jeden Fall emotional berührend und zur Auseinandersetzung einladend.
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Montag, 27. Juli 2009
stille lebensbejahung
Betrachten wir Porträts Amadeo Modiglianis. Ein neutraler Gesichtsausdruck, passiv, elegisch, melancholisch? In der Ausstellung der Bundeskunsthalle Bonn sind Zitate des Künstlers selbst zu lesen, er begreift offenbar seine Gestalten als Ausdruck stiller Lebensbejahung.Das verwundert doch, haben die Figuren nicht vielmehr Züge biometischer Passbilder - quadratisch ausdruckslos -, deren Anforderungen auf der Foto-Mustertafel des BMI detailliert beschrieben sind: "Das Foto muss die Gesichtszüge der Person von der Kinnspitze bis zum oberen Kopfende, sowie die linke und rechte Gesichtshälfte deutlich zeigen. (...) Das Gesicht muss in allen Bereichen scharf abgebildet, kontrastreich und klar sein." Auch Modigliani konzentriert sich auf das Gesicht, denn dessen Konturen sind am deutlichsten hervorgehoben, genauer auf die Linie zwischen den Augenbrauen über Nase, Kinnpartie zu dem Hals. Diese Verformung, eine allgemeingültige, immer wieder auftauschende Gesichtsformation, dominieren die Emotionen. Die biometrischen Passbilder verfolgen nun einen klaren Zweck, sie dienen der bestmöglichen Identifikation von Person. Will auch Modigliani seine Impression einer Person unverfälscht dem Betrachter nahebringen?
"Die Person muss auf dem Foto direkt in die Kamera blicken. Die Augen müssen geöffnet und deutlich sichtbar sein und dürfen nicht durch Haare oder Brillengestelle verdeckt werden." Die Universalität der Form ist bei Modigliani hingegen subjektiv verzerrt: Die überlange Nase, überlange Kinnpartie und der lange Hals prägen seine Form. Hat er Menschen so gesehen? Die pupillenlosen Augen in der Farbe des Hintergrundes scheinen den Betrachter dennoch vielsagend anzublicken. Die gewölbten Augenbrauen in dem einen Porträt signalisieren doch Bestimmtheit, während wenn ein Auge tiefer als das andere liegt der Eindruck einer nachdenklichen Pose hervorgerufen wird. Modiglianis Formensprache ist somit nicht uniform, trotz Ähnlichkeit sind subtil einzelne Charakterzüge zurückhaltend reduziert herausgearbeitet.
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Sonntag, 5. Juli 2009
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