Das Prinzip der inneren Notwendigkeit war schon Thema eines anderen Eintrags - und doch lässt es nicht los. Wer geprägt durch dieses Prinzip - der Effekt heißt wohl Priming? - und auf der Suche nach dessen Spuren durch die Straßen geht, wird manchmal fündig.
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Freitag, 8. Januar 2010
kandinsky lebt!
Das Prinzip der inneren Notwendigkeit war schon Thema eines anderen Eintrags - und doch lässt es nicht los. Wer geprägt durch dieses Prinzip - der Effekt heißt wohl Priming? - und auf der Suche nach dessen Spuren durch die Straßen geht, wird manchmal fündig.
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Donnerstag, 20. August 2009
wildern auf fremdem terrain

Was passiert, wenn ein Musikinstrument die Stimme eines anderen spielt? Jedes Instrument hat seinen unverwechselbaren Charakter, dessen wortreichste und phantasievollste Beschreibung Thomas Mann in seinem Roman Doktor Faustus verfasst haben dürfte: „Da lehnte in mehreren Exemplaren, das Violone, die Riesengeige, das schwer bewegliche Kontrabaß, majestätischer Rezitative fähig, dessen Pizzicato klangvoller ist als der gestimmte Paukenschlag, und dem man den verschleierten Zauber seiner Flageolett-Töne nicht zutrauen sollte.

Und ebenfalls wiederholt war sein Gegenstück unter dem Holz-Blasinstrumenten vorhanden, das Kontrafagott, (...) gebaut in den doppelten Dimensionen seines kleineren Bruders, des scherzosen Fagotts, das ich so nenne, weil es ein Baß-Instrument ist ohne rechte Baßgewalt, eigentümlich schwächlich von Klang, meckernd, karikaturistisch. (...)

dazu die Querflöte (...) nebst ihrer schrillen Verwandten, der Piccolo-Flöte, die im Orchester-Tutti durchdringend die Höhe zu halten und im Irrlichter-Reigen, im Feuerzauber zu tanzen weiß. Und nun erst der schimmernde Chor der Blechinstrumente von der schmucken Trompete, der man das helle Signal, das kecke Lied, die schmelzende Kantilene mit Augen ansieht, über den Liebling der Romantik, das verwickelte Ventilhorn, (...) bis zu der gründenden Schwere der großen Baßtuba.“
Nun fügt die Kunst der Orchestrierung diese einzelnen Charaktere zu einem Gesamtbild zusammen. Ähnliches gilt wie nach Kandinskys Prinzip der inneren Notwendigkeit in der Kunst für die Musik: Der bewusste Einsatz von Instrumenten kann Wesenszüge der Musik verstärken, aber auch kontrastieren - oder auch personifizieren bei Programmusik. Tauscht ein Instrument mit einem anderen, ändert sich der Zusammenhang. Nicht vorzustellen wäre es, wenn bei Peter und der Wolf von Sergej Prokofjew die Querflöte den Wolf verkörpern, oder die Oboe die Jäger darstellen würde. Jäger wecken offensichtlich andere Assoziationen als das leicht gequetscht Quakende der Oboe, das als typisch für eine Ente gelten kann. Derartige Musik-Instrument-Beziehungen sind hingegen besonders bei Programmusik besonders krass, dessen naturalistische Nachahmungsambitionen zum Klang in besonderem Verhältnis steht, während für sich selbst stehende Musikstücke Neuinterpretationen durchaus offener sein können.
Für Musikvirtuosen ist es ein beliebtes Spiel sich Solopartien anderer Instrumente anzueignen. Wenn Alison Balsom mit ihrem Album Caprice die Trompete in neue Gefilde führt, oder Sabine Meyer in Una Voce...Per Clarone Opernwerke an Klarinettenklänge adaptiert, können herausragende Fähigkeiten des Instrumentalisten hervorzuheben. Dann geht es auch um die Wandlungsfähigkeit des Instruments, das durch Virtuosentum andere Klangfarben erreicht. Ob Neuinterpretation eines Musikstückes oder Veränderlichkeit eines Instruments, zumindest bedarf es also besonderer Fähigkeiten, das charaktervoll Eingesetzte auszutauschen.
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Mittwoch, 5. August 2009
das prinzip der inneren notwendigkeit
Muss ein Quadrat rot, ein Dreieck gelb und ein Kreis blau sein?
Ein Umfrage im Jahre 1923 unter den Schülern und Professoren der Kunstschule Bauhaus befand in der Tat, dass die Grundfarben bestens harmonisch auf die genannte Art und Weise den bestimmten Grundformen zuzuordnen ist. Jedoch können die Schüler Wassily Kandinskys, der seit 1921 am Bauhaus unterrichtete, insofern kaum als unbefangen gelten: Kandinsky befasste sich bereits 1911 in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ mit dem Zusammenspiel von Form und Farbe.
Nun ist natürlich nicht wie in den nebenstehenden karikierenden Abbildungen zwingend ein Kreis blau sein usw. Natürlich ist entscheidend, dass die Wirkung eine andere sein soll, wenn ein Kreis gelb ist. „Dabei lässt sich leicht bemerken, daß manche Farbe durch manche Form in ihrem Werte unterstrichen wird und durch andere abgestumpft. Jedenfalls spitze Farben klingen in ihrer Eigenschaft stärker in spitzer Form (z.B. Gelb im Dreieck). Die zur Vertiefung geneigten werden in dieser Wirkung durch runde Formen erhöht (z.B. Blau im Kreis).“ Die gewollte Wirkung auf den Betrachter bestimmt also die Zusammenstellung von Form und Farbe, aber der Effekt von Form und Farbe verstärkt sich in der genannten Kombination. Dies nennt Kandinsky das Prinzip der inneren Notwendigkeit.Bei Raimer Jochims Arbeitsnotizen "Farbe sehen" 1973-1994 klingt die Auseinandersetzung mit der Farb-Form-Beziehung schon etwas verfeinerter:"die passive, kontraktive Farbe muss größer gegeben werden als die aktive, expansive, damit sie gleichwertig erscheinen. (...) Je intensiver die Farbe, desto bewegter der Umriss." Die aktivere richtet sich auf, die unintensivere (dunklere, ungesättigtere, kühlere) liegt." Als bestimmendes Element sind also nicht nur Form/Gegenstand und Farbe genannt, sondern auch der Umriss selbst. Insoweit scheint mir das Grundprinzip der inneren Zugehörigkeit zumindest noch das Gleiche zu sein. Was ich nicht verstehe ist, warum Farben gleichwertig sein müssen. Ob Farben dominieren oder auch nicht gehört ebenso zur Bildkomposition selbst, ob sie anspricht hängt nun vom Zeitgeist und der Stärke der Ausführung ab. Insofern weist erfreulicherweise Kandinsky auf das Innere der Notwendigkeit hin: „Es gibt kein muß in der Kunst, die ewig frei ist. Vor dem muß flieht die Kunst, wie der Tag vor der Nacht.“
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