Freitag, 14. August 2009

lang lang und barenboim spielen beethoven

Lang Lang und Barenboim sind zwei einst als Wunderkinder gefeierte Pianisten. Während ersterer mit Fernsehauftritten und ausverkauften Konzerten auf den größten Bühnen weltweit als Star Furore macht, gehört letzterer – wenn auch wahrscheinlich nicht gleich populär einem breitem Publikum bekannt – schon lange zur Weltspitze. Beide berühmt, beide Pianisten auf höchstem Niveau, beide Ausnahmeerscheinungen der Musikwelt. Unterscheidet sich nun Lang Langs Spiel von Barenboims? In der Tat, hört man das Beethoven Klavier-Konzert Nr. 1 beider Interpreten (Lang Lang beginnt in der 3., Barenboim – nebenbei bemerkt ohne zusätzlichen Dirigent in der 3.40 Minute), sind bei aller Brillanz unterschiedliche Welten zu entdecken.






Der Beethoven Lang Langs ist ein schwelgender, romantischer, der von Barenboim hingegen klar und klassisch strukturiert. Das Tempo ist bei Barenboim kontrolliert, die einzelnen Töne sind exakt kurz und fast trocken angespielt, die schnellen Läufe perlen nur so. Ohne Spielereien und kleinen Phrasierungen wirkt das Stück mit stolzer Zurückhaltung für sich. "Jedes Stück, jeder Satz hat sein eigenes Bild. Beethoven braucht keine Interpretation in diesem Sinn. Man muß versuchen, in diese Welt zu kommen." so versteht Barenboim die Klangwelt Beethovens. Dagegen spielt Lang Lang kleine Abschnitte des Stücks deutlicher im Zusammenhang, die Töne sind breiter, Lautstärke und Charakter variieren effektvoll. Dies muss nicht besser und überlegen sein, schließlich füllt jeder Interpret die einzeln notierten Töne mit anderem Inhalt. Gerade der zwischen den Zeiten stehende Beethoven kann schließlich nicht nur klassisch, wie bei Barenboim, sondern auch romantisch interpretiert werden. Vielleicht kann man den Unterschied auch als junge und gesetzte Interpretation beschreiben. Vielleicht kann Lang Lang noch etwas von Barenboim lernen, so wie es in dem unten zu sehenden You-Tube Video erscheint. Und vielleicht beschränkt sich die Verschiedenheit der Interpreten auf Beethoven, schließlich haben Barenboim und Lang Lang gemeinsam Klaviersonaten von Mendelssohn aufgenommen.


Montag, 10. August 2009

aufgefülltes halbwissen über fast alles

„Diane Demorney hatte vielleicht gar nicht so unrecht. Zwar wirkten ihre kleinen Wissensfetzen auf ihn wie eine zu knapp bemessene Patchworkdecke, doch was sie wußte, schien sie aus dem Effeff zu beherrschen. (...) anstatt mit herkulischem Kraftaufwand Geschichte zu büffeln, nimmt sie sich einen Happen vor, den sie in noch kleinere Häppchen zerlegt.“ Es gibt viele Diane Demorneys wie die aus Martha Grimes Kriminalroman „Jury besucht alte Damen“. Einzelne Bröckchen wirft die Dame ein, um täuschend echt fundiertes Fachwissen zu simulieren, während Zuhörer mit grundlegendem Allgemeinwissen nur staunen. Imponierend trotz Faulheit versucht Diane zu sein. Auch wenn man die Frage der Durchschaubarkeit beiseite lässt, kommt man zunächst nicht umhin, Halbwissen als fragwürdig zu bezeichnen: Das Gedächtnis kann umso mehr Informationen aufnehmen, je mehr davon bereits gespeichert sind. Es wird also ebenfalls faul.

Aber wer kennt keine Wissensinseln, wer spielt keine Rollen. Es muss schließlich nicht nur auf Präsentation bedachte Diane Demorneys sondern auch kreative Ingol Habertrubersgeben: Die Figur aus Peter Bichsels Erzählung „Eine Erklärung an den Lehrling Prey“ erzählt gelungene Geschichten phantasievoll mit der Freiheit eines Dilettanten. Sein Lehrling soll „den Augenblick des Erzählens jedem Wissen und jeder Brauchbarkeit vorzuziehen“. Das Auffüllen von Halbwissen, das Fabulieren ist dann als Beginn von Gedankenreisen dem Wissen als Schlusspunkt von Fragen vorzuziehen. So gesehen fabriziert Halbwissen keine Faulheit.

Und genau genommen erfordern Wissensinseln – sofern man sie geschickt an den Mann zu bringen sucht – recht elaborierte Strategien. Daher ein paar Tipps aus der Diane Demorneyschen Trickkiste: „Warum aufs Trinity College gehen und das Book of Kells studieren, über das jeder etwas wußte – wenn man im British Museum vorbeigehen konnte und eine Seite vom Book of Dimma lese konnte, von dem keine Menschenseele je gehört zu haben schien, abgesehen von Experten. Zählte ihr Gegenüber zufällig zu diesen Experten, lächelte Diane einfach nur und rauchte schweigend vor sich hin.“ „Verbitten Sie sich strikt, zum Thema Rosen oder allem, was mit Rosen zu tun hat, konsultiert zu werden. Falls Rosen zur Sprache kommen sollten (...) behaupten Sie einfach, Sie seien seit jeher nach dem Grundsatz verfahren: Je weniger man drüber weiß, desto besser. Das hört sich so bescheuert an, dass man daraus sofort schließen wird, Sie müssten in Bezug auf Rosen ein wahrer Quell der Weisheit sein.“

Freitag, 7. August 2009

contemporary artists: irritierende schönheiten




Diese Bilder von Tanja Selzer wirken zunächst wie farbenfrohe Landschaften. Aber sind die Menschen dann doch bloße Skelette, die Wale gestrandet, der Himmel eine Rauchwolke. Dann werden auch die intensiven Farben bedrohlich. Das Öl auf Leinwand verläuft in senkrechten Linien, steht damit in Spannung zu der Betonung des Horizonts und lässt die Konturen ineinander verschwimmen. "Die Entstellung, die Ambivalenz des schönen Hässlichen und des hässlichen Schönen sind das Thema meiner Malerei." Eindeutig ist nur, dass "etwas nicht stimmt" auf diesen Bildern. Sie changieren zwischen hässlich oder schön, Landschaft oder Mensch, farbenfroh oder -intensiv.

Donnerstag, 6. August 2009

dirigieren oder mitspielen?

Nigel Kennedy verzichtete bei der Aufnahmen seiner CD mit Beethoven Violinkonzert D-dur op. 61 und Mozart Violinkonzert Nr. 4 D-dur KV 218 auf den Dirigenten. In einem Interview begründet er dies auf sehr drastische Art: „In meinen Augen sind die grotesken Winksignale des Dirigenten und die Gründe, weshalb jemand Dirigent werden möchte, verdächtig. Ich verstehe einfach nicht, warum jemand, der ein Instrument spielen kann, aufstehen und mit einem Taktstock durch die Luft wedeln möchte. Die positive Motivation, ohne Dirigent zu musizieren, ist die Kommunikation, die unter den Orchestermusikern und zwischen mir und dem Orchester stattfindet. Sie wird nicht unterbrochen von jemandem, der mit den Armen wedelt, wörtlich oder im übertragenen Sinne.“ Nun könnte man meinen, dass Nigel Kennedy mit seinen Jazz-Aufnahmen, seiner Kadenz im Mozart Violinkonzert auf der e-Geige sowieso als eine Art "Punk" der Szene heraussticht.

Tatsächlich verweigern sich ganze Orchester der Diktatur des Stockes: Das 1972 in New York gegründete Orpheus Chamber Orchestra ist für seine eigenwillige Einstudiermethode berüchtigt. Und dann geht es nicht mehr nur um unmittelbaren Hörkontakt der Musiker, denn als Organisationsprinzip haftet dem etwas basisdemokratisches an: Die Interpretation der Stücke schreibt kein Einzelner vor, sondern wird diskutiert und gemeinsam festgelegt. Zuzugeben ist allerdings, dass die politische Zuordnung nicht eindeutig ist, der Dirigent dürfte nicht nur Demokraten ein Dorn im Auge sein. Von 1922 bis 1932 musizierte das Moskauer Orchester Persimfans ebenfalls ohne Dirigent, allerdings um den Kollektivismus in der Musik durchzusetzen; das Ensemble wurde auch das „Kind der Revolution“ genannt.




Unabhängig von der politischen Orientierung, scheint es auch sozial einige Vorteile zu geben: Teamwork ist beliebt, Teamwork schafft Zusammenhalt, Identifikation mit dem Projekt usw. Der schweizerische Komponist Hans Wüthrich hatte dagegen wohl schlicht musikalische Gründe, als er zwei Stücke "für autonom kybernetisch sich selbst regulierendes Orchester ohne Dirigenten“ schrieb Netzwerk I (1982-1985) (...Wie in einem sehr grossen Schiff oder Fisch...) und Netz-Werk II (1984-1985) (Flexible Umrisse). Das Orchester als Netzwerk bewusst zur Kommunikation eingesetzt. Interessante Ideen, die Frage ist nur, ob nicht entweder die Probendauer deutlich ansteigt oder letztlich doch Einzelne den Ton angeben: der Konzertmeister, der Orchestergründer oder im Falle Nigel Kennedys offensichtlich der Solist.

Mittwoch, 5. August 2009

das prinzip der inneren notwendigkeit

Muss ein Quadrat rot, ein Dreieck gelb und ein Kreis blau sein?

Ein Umfrage im Jahre 1923 unter den Schülern und Professoren der Kunstschule Bauhaus befand in der Tat, dass die Grundfarben bestens harmonisch auf die genannte Art und Weise den bestimmten Grundformen zuzuordnen ist. Jedoch können die Schüler Wassily Kandinskys, der seit 1921 am Bauhaus unterrichtete, insofern kaum als unbefangen gelten: Kandinsky befasste sich bereits 1911 in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ mit dem Zusammenspiel von Form und Farbe.

Nun ist natürlich nicht wie in den nebenstehenden karikierenden Abbildungen zwingend ein Kreis blau sein usw. Natürlich ist entscheidend, dass die Wirkung eine andere sein soll, wenn ein Kreis gelb ist. „Dabei lässt sich leicht bemerken, daß manche Farbe durch manche Form in ihrem Werte unterstrichen wird und durch andere abgestumpft. Jedenfalls spitze Farben klingen in ihrer Eigenschaft stärker in spitzer Form (z.B. Gelb im Dreieck). Die zur Vertiefung geneigten werden in dieser Wirkung durch runde Formen erhöht (z.B. Blau im Kreis).“ Die gewollte Wirkung auf den Betrachter bestimmt also die Zusammenstellung von Form und Farbe, aber der Effekt von Form und Farbe verstärkt sich in der genannten Kombination. Dies nennt Kandinsky das Prinzip der inneren Notwendigkeit.

Bei Raimer Jochims Arbeitsnotizen "Farbe sehen" 1973-1994 klingt die Auseinandersetzung mit der Farb-Form-Beziehung schon etwas verfeinerter:"die passive, kontraktive Farbe muss größer gegeben werden als die aktive, expansive, damit sie gleichwertig erscheinen. (...) Je intensiver die Farbe, desto bewegter der Umriss." Die aktivere richtet sich auf, die unintensivere (dunklere, ungesättigtere, kühlere) liegt." Als bestimmendes Element sind also nicht nur Form/Gegenstand und Farbe genannt, sondern auch der Umriss selbst. Insoweit scheint mir das Grundprinzip der inneren Zugehörigkeit zumindest noch das Gleiche zu sein. Was ich nicht verstehe ist, warum Farben gleichwertig sein müssen. Ob Farben dominieren oder auch nicht gehört ebenso zur Bildkomposition selbst, ob sie anspricht hängt nun vom Zeitgeist und der Stärke der Ausführung ab. Insofern weist erfreulicherweise Kandinsky auf das Innere der Notwendigkeit hin: „Es gibt kein muß in der Kunst, die ewig frei ist. Vor dem muß flieht die Kunst, wie der Tag vor der Nacht.“

Montag, 3. August 2009

das „zirkuspferdchen-syndrom“

Wunderkinder mit ihren unfassbaren, unerlernten Talenten beeindruckend. Besonders erstaunlich ist es, wenn ein Junge, der – gerade mal sechs Jahre alt – die Arie der Königin der Nacht für Kolloratursopran aus Mozarts Zauberflöte in einer Fernsehshow singt. Für Max Emanuel Cencic begann mit dem Auftritt die Gesangskarriere: mit 10 Jahren sang er bei den Wiener Sängerknaben, mit 16 Jahren folgte die Solo-Karriere als Countertenor (Sopran). Doch nach Hunderten von Auftritten ein Jahr später brach er auf einer Tournee zusammen. Als Zirkuspferdchen-Syndrom soll er den Rummel um ungewöhnlich talentierte Kinder genannt haben. Und bei aller Bewunderung ist dies schon verständlich, denn ein wenig unnatürlich mag ein sechsjähriger Kolloratursopran schon gewirkt haben, ein wenig aufgeputzt und vorgeführt.




Überhaupt sind die mit Kopfstimme singenden Countertenöre kein Ausbund an Natürlichkeit, sie spielen mit dem Changieren zwischen Frauen- und Männerstimmen und der Diskrepanz zwischen Tonhöhe und äußerem Erscheinungsbild. Dennoch scheinen sie mit der historischen Aufführungspraxis eine „neuen Renaissance“ zu erleben: über Stars, von denen nur Philippe Jaroussky, Andreas Scholl, David Daniels beispielhaft genannt seien, wird geredet und geschrieben. Diese Aufmerksamkeit für Countertenöre ist jedoch wahrscheinlich harmlos gegen das Theater um Kastraten. Wie muss es erst barocken Stars unter den Kastraten wie Farinelli ergangen sein. Wegen des Schweigegebots für Frauen in der Kirche wurde die Entmannung von Jungen zunächst als Ausweg, dann als stimmliches Schönheitsideal entdeckt. Kastraten lebten auch von der Künstlichkeit, der Vorführung. Die Maniriertheit des Barock hat die Gesangsform nicht umsonst hervorgebracht. Infolgedessen boomte das Gewerbe: Rekruteure streiften durch Italien um Eltern ihre Söhne abzukaufen; es sollen im 18. Jahrhundert sogar bis 4000 Jungen pro Jahr kastriert worden sein. Der wohl letzte Kastrat, Alessandro Moreschi, starb erst 1922. Er ist auch der einzige, dessen Stimme durch Aufnahmen in den Jahren 1902 und 1904 der Nachwelt erhalten blieb. Allerdings wirkt der Gesang mit heutigem Ohr als ganz schönes Geleier; auch dann, wenn man berücksichtigt, dass in den Jahren seine Hochzeit schon vorbei und die der Aufnahmetechnik noch lange nicht erreicht war. Genausogut können die für das Leiern verantwortlichen portamenti (das Ziehen von einem Ton zum anderen) auf den damaligen Geschmack zurückzuführen sein.




Papst Pius X. 1904 strebte danach die Kirchenmusik wieder deutlich von der profanen abzugrenzen, mehr wie ein gregorianischer Choral sollten die liturgischen Sänger klingen. „On the same principle it follows that singers in church have a real liturgical office, and that therefore women, being incapable of exercising such office, cannot be admitted to form part of the choir. Whenever, then, it is desired to employ the acute voices of sopranos and contraltos, these parts must be taken by boys, according to the most ancient usage of the Church.“ Mit dem Verbot der Kastraten in der Kirche hat Papst Pius X. die Zeit der Maniriertheit zurückgedreht. Natürlich ist andererseits auch gerade das Artifizielle anziehend. Genausogut könnte man vieles als Übernatürlichkeit begreifen, nicht ohne Grund wurde Alessandro Moreschi schließlich als Engel von Rom bezeichnet. Aber trotz allem Talent und aller Bewunderung: Wunderkinder sind eben auch dressiert.

Donnerstag, 30. Juli 2009

contemporary artists - "skandalöse nuditäten"


Die Akte von Lilli Hill polarisieren: Die dem Schlankheitsideal entgegengesetzte, detaillierte Nacktheit mag verschrecken. Die fast unmögliche Leichtigkeit der Posen und die realistische Eindrücklichkeit der Haut und des Ausdrucks dagegen faszinieren. Die in dünnen Schichten aufgetragene Farbe in der Technik alter Meister schafft rücksichtslose, aber dennoch wegen der Lasur nicht grelle oder pornographische Effekte.
Ein Bekannter, dem ich diese Bilder zeigte fand sie hingegen demoralisierend; Ziel der Kunst sei es ein Ideal zu verkörpern und den Menschen zur Verfolgung desselben anzuhalten. Die Bilder von Lilli Hill könnten doch aber durchaus als Ideal eines leichten, stolzen Umgangs mit dem Körper interpretiert werden. Aber vor aller Interpretation entfalten die Bilder bereits ihre Wirkung: Zuallererst vielleicht abstoßend, vielleicht faszinierend, bei längerer Betrachtung beruhigend, aber auf jeden Fall emotional berührend und zur Auseinandersetzung einladend.

Dienstag, 28. Juli 2009

blumen- und fruchtstücke

Sehen wir nicht den Humor als offenkundiges Zeichen von Lebensbejahung? Bei Jean Paul allerdings ist er derart ironisch-sarkastischer Natur, dass er alles - wenn auch liebevoll - hinterfragt. Seine prägnante, aphorismusartige Schreibweise zeichnet sich gerade durch dieses "über alles stehen" aus. Er erzählt nicht nur von dem Armenadvokaten Siebenkäs, dessen Verehelichung, Scheidung und Wanderschaften, sonder spickt die Erzählung mit Blumenstücken - surrealistischen Traumsequenzen - und Fruchtstücken - philosophischen Einschüben. Diese Komposition auch als blumig, fruchtig, quasi unbeschwert heiter zu bezeichnen fällt schwer, aber er trifft so ätzend kurz und überdeutlich den Kern einer Sache, dass man sich das Schmunzeln häufig nicht verkneifen kann? Aus Siebenkäs zur Illustration die folgenden Auszüge:
"Einen solchen Fürstenbund zweier seltsamer Seelen gab es nicht oft. - Dieselbe Verschmähung der geadelten Kinderpossen des Lebens, dieselbe Anfeindung des Kleinlichen bei aller Schonung des Kleinen, derselbe Ingrimm gegen den ehrlosen Eigennutz dieselbe Lachlust in der schönen Irrenanstalt der Erde, dieselbe Taubheit gegen die Stimme der Leute, (...)."
"(...) - wie der Haus- oder Mietherr, ein lustiger, schwindsüchtiger Sachse, durch sein Pudern und Trinken nicht in die Welt hinein lebte, sondern aus ihr heraus."
"Siebenkäs hatte das Kleine lieb, weil es in seinen Augen ein satirischer zerrbildnerischer Verkleinerspiegel alles großen bürgerlichen Pompes war."

"(...) sein Beinkleidchen und sein Röckchen und alles salzte die Weiber im Hause bloß durch den Vorübergang zu Lothischen Salzsäulen ein."
"(...) alles dieses senkte seine Seele in humorisch-melancholische Betrachtungen über unser aus farbigen Minuten, Stäubchen, Tropfen, Dünsten und Punkten zusammengestoppeltes Mosaik-Gemälde des Lebens ein."
"- Lieber Held! - Bleib aber einer! -"

"(...) weil Jakopb Oehrmann allen Menschen gerade so viel moralischen Kredit gibt, als sie kaufmännischen haben, an welches Rekrutenmaß des Wertes ihn die Kaufleute gewöhnt haben, die einander mit metallnen Ellen messen!"

"Ehemänner (...) sprechen in der ehelichen Behaglichkeit so uferlos überfließend außen mit der Frau als jedermann innen mit sich selber; vor niemand aber in der Welt wiederholt man sich öfter als vor dem eignen Ich, ohne sich das Wiederholen nur abzumerken, geschweige nachzuerzählen."

"(...) glücklich ist jeder Schauspieler im Schuldrama der Erde, dem die höhere innere Täuschung die äußere ersetzt oder verdeckt (...)"

"Nichts macht humoristischer (...) wenn man (...) wie die Perlenmuschel, die Löcher, welche Würmer in unsere Perlenmutter boren mit Perlen der Maximen vollschwitzen muß."

"Die Menschen sind so sehr in ihre Ich eingesunken, daß jeder den Küchenzettel fremder Leibgerichte gähnend anhört und doch mit dem Intelligenzblatte der seinigen andere zu erfreuen meint." (Was durchaus auch ein Problem bei Blogs ist?)

Montag, 27. Juli 2009

stille lebensbejahung

Betrachten wir Porträts Amadeo Modiglianis. Ein neutraler Gesichtsausdruck, passiv, elegisch, melancholisch? In der Ausstellung der Bundeskunsthalle Bonn sind Zitate des Künstlers selbst zu lesen, er begreift offenbar seine Gestalten als Ausdruck stiller Lebensbejahung.
Das verwundert doch, haben die Figuren nicht vielmehr Züge biometischer Passbilder - quadratisch ausdruckslos -, deren Anforderungen auf der Foto-Mustertafel des BMI detailliert beschrieben sind: "Das Foto muss die Gesichtszüge der Person von der Kinnspitze bis zum oberen Kopfende, sowie die linke und rechte Gesichtshälfte deutlich zeigen. (...) Das Gesicht muss in allen Bereichen scharf abgebildet, kontrastreich und klar sein." Auch Modigliani konzentriert sich auf das Gesicht, denn dessen Konturen sind am deutlichsten hervorgehoben, genauer auf die Linie zwischen den Augenbrauen über Nase, Kinnpartie zu dem Hals. Diese Verformung, eine allgemeingültige, immer wieder auftauschende Gesichtsformation, dominieren die Emotionen. Die biometrischen Passbilder verfolgen nun einen klaren Zweck, sie dienen der bestmöglichen Identifikation von Person. Will auch Modigliani seine Impression einer Person unverfälscht dem Betrachter nahebringen?

"Die Person muss auf dem Foto direkt in die Kamera blicken. Die Augen müssen geöffnet und deutlich sichtbar sein und dürfen nicht durch Haare oder Brillengestelle verdeckt werden." Die Universalität der Form ist bei Modigliani hingegen subjektiv verzerrt: Die überlange Nase, überlange Kinnpartie und der lange Hals prägen seine Form. Hat er Menschen so gesehen? Die pupillenlosen Augen in der Farbe des Hintergrundes scheinen den Betrachter dennoch vielsagend anzublicken. Die gewölbten Augenbrauen in dem einen Porträt signalisieren doch Bestimmtheit, während wenn ein Auge tiefer als das andere liegt der Eindruck einer nachdenklichen Pose hervorgerufen wird. Modiglianis Formensprache ist somit nicht uniform, trotz Ähnlichkeit sind subtil einzelne Charakterzüge zurückhaltend reduziert herausgearbeitet.
Modigliani zeigt so doch dann eine interessante, wenn nicht sogar paradoxe Form der Lebensbejahung: Nicht eine laute Fröhlichkeit, eine bunte Zuversicht, sondern eine in der Nachdenklichkeit und Subtilität verwurzelte Freude an Beobachtungen. Die Menschen durch das Auge Modiglianis sind in klaren Formen irgendwie hingestellt als sie selbst. Klar identifizierbar im Lichte Modiglianis. Dass dies genügt, ist doch auch eine Form der Zuversicht?

Sonntag, 5. Juli 2009

contemporary artists - taktile malerei?


Die zwischen Bildern und Objekten changierenden Arbeiten von Enrico Niemann.